Matterhorn

Monte Rosa Auffahrt 2024

Von: Christian Pittrof

11. Juli 2024 | Veröffentlicht in:

Matterhorn in violetter Stimmung

Aufstieg zur Saaser Lücke

Zweifellos hat Global Warming erhebliche Auswirkungen auf das Skitourengehen. Die Schneegrenze steigt schleichend nach oben. Nass- und Gleitschneelawinen sind nicht nur im Frühjahr das dominante Lawinenmuster, sondern werden zu einer Gefahr während des ganzen Winters. Auch Hüttenzustiege verändern sich. Und da ich mit nasser Ware in den letzten Jahren einige unbehagliche Situationen erlebt habe, bereitet mir die Zustiegsplanung für das lange Auffahrtswochenende auf der Monte Rosa-Hütte, für das sich Céline, Ferdinand, Nicole und Stefan angemeldet haben, Kopfzerbrechen. Das massive Abschmelzen des Gornergletschers verunmöglicht den üblichen Aufstieg zur Monte Rosa-Hütte von Rotenboden nach unten auf den Gornergletscher und hoch zur Hütte über den Grenzgletscher. Da wir erst frühmorgens am Auffahrtstag mit ÖV nach Zermatt reisen, werden wir erst am späten Vormittag in den Schnee starten können und bereits der Tageserwärmung ausgesetzt sein. So telefoniere ich mehrmals mit der Hütte und entscheide für den Zustieg via Klein Matterhorn und Unteren Theodulgletscher.

Das klappt bestens, trotz brüchig-schwerer Schneebeschaffenheit. Abfahrt vom Klein Matterhorn (3800m) um 12 Uhr hinunter auf 2300m zum unteren Ende des Gornergletschers, der inzwischen nicht mehr bis in die gleichnamige Schlucht reicht, in der evtl. eine Staumauer gebaut werden könnte. Mit etlichen Gleichgesinnten steigen wir in drei Stunden zur Hütte hinauf, die wir gegen 16.30 Uhr erreichen. Alles problemlos, die Gletscher sind dick eingeschneit, es ist nicht zu warm. Waren meine Tagesgang-Bedenken übertrieben?

Die (neue) Monte Rosa-Hütte bietet bekanntlich ein hohes Komfortniveau inkl. Duschen (à CHF 5.- für drei Minuten), das sympathische Hüttenteam hat alles im Griff und WLAN bzw. 5G Mobilfunk hat’s auch. Das wissen wir während der nächsten drei Tage zu schätzen!

Für Freitag habe ich als Akklimatisationstour das Jägerhorn (3969m) vorgesehen, einem Sporn an der Nordseite des Monte Rosa Massivs, dessen Gipfel man zum Schluss durch einen steilen Gletscherbruch (ca. 35° – 38°) erklimmt. Etwas unterschätzt habe ich die Distanz für die Umrundung des nördlichen Ausläufers des Monte Rosa, nachdem wir die Saaser Lücke überklettert haben, die mit Sprossen und (Draht-)Seilen gut abgesichert ist.

Auf dem Gipfel des Grossen Fillarhorns 3670m (v.l.n.r. Céline, Ferdinand, Nicole, Stefan, Christian)

Die Gletscherlandschaft ist dafür grossartig! Am Fuss des Gletscherbruchs auf 3600m angelangt, blicken wir mit Ehrfurcht auf die Eisabbrüche 700m über unseren Köpfen und die Tatsache, dass noch niemand eine Spur durch den Neuschnee des unübersichtlichen Bruchs gelegt hat. Eisschlag- und Schneebrettgefahr können nicht ausgeschlossen werden. Das ist uns zu spannend. Schnell schwenken wir auf Plan B um und steigen in weniger als einer Stunde auf das benachbarte Grosse Fillarhorn (3670m), einem perfekten Skigipfel. Abfahrt wie Aufstieg gefolgt von einem entspannten Hüttennachmittag.

 

Am Samstag frühstücken wir wieder um 4.30 Uhr. Heute ist der grosse Tag, wir wollen auf das Nordend, das mit 4609m der dritthöchste Gipfel der Alpen ist. 1700 Höhenmeter erwarten uns, und wir starten wie geplant um 5.15 Uhr im Morgengrauen.

 

Morgenstimmung an der Monte Rosa-Hütte

Den ersten Steilhang überwinden wir ohne grosse Mühe und steigen langsam, aber stetig über weite, stark verspurte Gletscherhänge der 4000m-Marke entgegen. Mein Bauch meldet sich bei 3800m mit Übelkeit, aber das legt sich glücklicherweise nach einer halben Stunde.

Bei 4200m erreichen wir den steilen Gletscherbruch, der jahrelang kaum passierbar war, jetzt aber perfekt eingeschneit ist. Ich bin nicht der Einzige, der ab jetzt dem Silbersattel (4519m) etwas müde entgegensteigt und bin froh, als wir das Skidepot am Grat zum Nordend erreichen. Der Schnee liegt meterhoch am Grat, ein tiefer Pfad führt zum Gipfel. Wie schön, dass nicht ich der-/diejenige sein musste, der die teilweise hüfttiefe Spur angelegt hat. Dank an Unbekannt! Wir bilden zwei Gruppen am kurzen Seil und kommen flott voran – bis zu einer kleinen Kletterstelle wenige Meter unterhalb des Gipfels. Wir sichern vorsichtshalber und geraten prompt aufgrund von Platzmangel am Grat und Gipfel sowie Bergsteigern, die von oben und unten kommen, in eine Blockadesituation. Das kostet uns eine Stunde, genug Zeit also, die 2500m hohe Ostwand hinunterzublicken, in der bereits ein paar kühne Skifahrer unterwegs waren (Marinelli-Couloir bis 45°, schauerliche Einfahrt zwischen Signalkuppe und Zumsteinspitze).

Kurz unterhalb des Nordend-Gipfels

Bei der Abfahrt lassen wir uns Zeit. Der Schnee ist besser als gedacht und erlaubt insbesondere an den Rändern der Hänge schöne Schwünge. Die Hütte erreichen wir kurz nach 15 Uhr und prosten uns (ein wenig stolz) auf der Terrasse zu. Mein Blick gleitet dabei über das 4000er-Bergpanorama, und ich staune nicht schlecht, was alles für (Gipfel-)Hänge befahren wurden. Neue Tourenpläne reifen unmittelbar heran…

Sonntag, letzte Tour. Zum sanften Ausklang haben wir beschlossen, über das Stockhorn (3532m) nach Zermatt zurückzukehren und brechen dieses Mal erst um 6.30 Uhr auf. Die Saaser Lücke überwinden wir routiniert und hängen beim flachen, kilometerlangen Aufstieg über den Gornergletscher Richtung Stockhornpass (3382m) unseren Gedanken nach. Das 360° Panorama inspiriert mich einmal mehr für die zukünftige Tourenplanung, nach der Tour ist vor der Tour.

Am Stockhorngipfel treffen wir «alte Bekannte» von der Hütte und nehmen uns Zeit für eine ausgiebige Rast und die wunderbare Aussicht. Bei der Abfahrt treffen wir nach einem ersten harten Hang angenehmen Sulzschnee an und folgen im unteren, aufgeweichten Teil Spuren, die uns mit einem 15-minütigen Gegenanstieg auf 2350m zur Riffelalp führen, wo die Gornergratbahn hält. Der Zug ist voll, die Passagiere zu 90% aus Asien, 20 Minuten stehen bringen uns jetzt auch nicht mehr um.

Zurück in Zermatt gegen 14 Uhr geniessen wir noch eine deftige Portion Rösti bevor wir die Heimkehr antreten. Erlebnisreiche vier Tage bei bestem Wetter liegen hinter uns, wir werden uns noch lange an sie erinnern.

Danke an Céline, Nicole, Ferdinand und Stefan für das tolle Teaming!

 

~ von Christian

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