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«Einen schöneren Ort gibt es nicht in den Alpen»

Von: Verena Parzer-Epp

15. Juli 2022 | Veröffentlicht in: Archiviert | Hütten

Wir haben Ruedi Sperb auf den Zahn gefühlt. Über den tatsächlichen Umfang seines ehrenamtlichen Einsatzes als Hoher-Rohn-Hüttenchef hat er nur wenig erzählt, dafür umso mehr von seiner Liebe zum Bergell und dem Hang zu Kulturevents vor alpiner Kulisse.

Lieber Ruedi, Du bist seit mehr als 13 Jahren unser Hüttenchef. Wie geht es Dir? Dürfen wir auch weiterhin auf Deinen Einsatz zählen?

Ruedi Sperb, Hüttenwart und Vizepräsident

Ja, auf jeden Fall! Ich habe noch einige wichtige Projekte, die ich sehr gerne weiterhin begleite.

Die da wären?

Dieses Jahr stehen in der Albignahütte Renovationen am. Im Speisesaal haben wir einen neuen Eichenparkett verlegt und die Tische geschliffen. Es sieht nun wieder wunderschön aus! Zudem bauen wir eine neue Kläranlage. Ein weiteres, sehr wichtiges Ziel ist die Wiederherstellung des Wanderwegs zur Sciora-Hütte, damit wir sie endlich wieder in Betrieb nehmen können.

Das klingt spannend. Wird die Sciora also schon bald wieder eröffnet?

Leider nein. Da müssen wir noch viel Geduld aufbringen. Immerhin: Das Projekt steht, und das Wegkonzept, das die Gemeinde Bergell ausgearbeitet hat, wurde bereits behördlich bewilligt. Zurzeit gilt es noch einige Finanzierungsfragen zu klären. Ich hoffe, dass wir 2024 mit dem Bau beginnen und gleichzeitig die Hütte wieder auf Vordermann bringen können. Mit der Wiedereröffnung rechne ich erst ab 2025.

Als Hüttenchef schaust Du wahrscheinlich auch in der geschlossenen Hütte zum Rechten?

Ja, mindestens ein bis zwei Mal pro Jahr gehe ich hinauf – meistens über den Cacciabellapass. Dass die Hütte momentan nicht bewirtschaftet wird, tut ihr gar nicht gut. Zum Beispiel begann sich im letzten Herbst der Hausschwamm auszubreiten. So etwas muss man sofort sanieren, denn dieser Pilz kann sich durch die ganze Hütte fressen und alle Holzbauteile zerstören. Glücklicherweise haben wir ihn rechtzeitig entdeckt und konnten ihn wieder entfernen. Ich gehe immer sehr gern in die Sciora, denn für mich gibt es keinen schöneren Ort in den Alpen. Ausserdem ist diese Hütte historisch wichtig.

Warum historisch?

Weil der SAC Hoher Rohn dank der Sciorahütte in der lokalen Bevölkerung angekommen ist. Die Bergeller lieben das Bondascatal wegen seiner Schönheit sehr. Als der SAC Bregaglia die Sciorahütte selbst nicht mehr finanzieren konnte, wandte er sich an unsere Sektion. Seit 1921, also seit mehr als hundert Jahren, gehören die Albigna und ihre «kleine Schwester» schon zusammen. Im Verbund können sich diese Hütten gegenseitig tragen – ganz ohne Fremdkapitalinvestitionen. Hans Rüter, der damalige Hoher-Rohn-Präsident, wird bis heute wegen seines Engagements für die SAC-Hütten im Bergell sehr geschätzt. Wir hatten auch deshalb immer ein sehr gutes Verhältnis zur Gemeinde Bondo. 

Zurück zur Albigna: Wie sieht es dort aus? Die zwei Pandemiejahre waren bestimmt nicht einfach.

Während der Pandemie war alles etwas komplizierter, und wir konnten auch weniger Schlafplätze anbieten. Aktuell verzeichnen wir glücklicherweise so viele Reservationen wie noch nie zuvor. Es sieht also gut aus, und wir erwarten für diese Saison wieder rund 3500 Übernachtungen. Vor wenigen Tagen wurde auch der neue Rundwanderweg um den Albigna-Stausee eröffnet. Das wird die Attraktivität der Albignahütte weiter steigern.

Du bist als Hüttenchef um stetige Modernisierungen bemüht. Würden die ursprünglichen Erbauer die beiden Hütten überhaupt wiedererkennen? Würden sie ihnen gefallen?

(Schmunzelt.) Die Sciora würden sie wohl wiedererkennen, die Albigna eher nicht: Diese ist heute ein Berggasthaus, und war in ihrer ersten Version (in der Nähe des heutigen Staudamms, Anm. Red.) viel kleiner. Den modernen Ausbau würden die früheren SAC-Mitglieder vielleicht gar nicht goutieren, denn sie waren den technischen Innovationen eher abgeneigt. Als z.B. die Albignahütte 1957 wegen des Staudamms neu gebaut wurde, bot uns das EWZ an, den Strom bis in die Hütte zu legen – gratis! Unsere Sektionsvorsteher wiegelten jedoch ab, denn «Petroleumlampen genügen auch». Erst im Jahr 2000 bekamen wir in der Albignahütte einen Stromanschluss.

Und was hältst Du davon? Wieviel Luxus brauchen, wollen wir auf 2000 Metern über dem Meer?

Aus meiner Sicht ist die Albigna parat für die Zukunft und kann mit anderen SAC-Hütten locker mithalten. Die Zimmergrössen sind sehr überschaubar, und einen Standard wie in einem Hotel braucht es überhaupt nicht. Dasselbe gilt für die Sciorahütte, mit der einzigen Ausnahme, dass der Stromanschluss dort überfällig ist. Darüber hinaus bemisst sich die Qualität eines Angebots nicht nur am Materiellen. Wir hatten in der Vergangenheit auch sehr spannende kulturelle Angebote: Die Lesung von Franz Hohler auf der Staumauer, die Theater-Aufführungen von «Ein Russ im Bergell» oder auch die «Arte Albigna». Solche Erlebnisse sind einzigartig und unvergesslich!

Bei so vielen Vorhaben, die Du in nächster Zeit für unsere Hütten umsetzen möchtest, wird Dir bestimmt nicht langweilig. Wir können wir Dich als Sektion dabei unterstützen?

Das ist ganz einfach: Indem sich die Sektionsmitglieder möglichst oft im Bergell zeigen und bei den Frondienstarbeiten eifrig dabei sind. Diese Form der Freizeit- bzw. Feriengestaltung ist wirklich sehr zu empfehlen. Der Arbeitsplatz Bergell ist wunderbar und die Kameradschaft einmalig. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich einzubringen. Ich freue mich über jede Anfrage!